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ueber-leben.net

Zwischen Falschmeldung, Heilsversprechen und Zukunftsangst zerfällt uns zurzeit lebenswerte Gegenwart. Dass die Welt aus den Fugen sei, heißt es, sei ein sehr alter Hut; aber einer – um im schiefen Bild zu bleiben – unter dem es unüberhörbar tickt. Jederzeit ist alles überall möglich: Krieg, Migration, Klimawandel, Diktatur, Populismus oder EU-Zerfall. ›Rette sich, wer kann … am besten nach oben!‹ lautet die Parole im Mikrokosmos wie im globalen Kontext. Viele mutieren zu Mitläufern oder Tätern, als Geldsoldaten des freien Marktes z. B. kennen sie kein Pardon. Andere dagegen finden sich ab als Krisenverlierer, begehren auf als Flüchtling, Aussteiger, Sinnsucher, fallen in die Depression oder suchen nach Formen des Widerstands. Im besten Falle handeln sie als Citoyen. Auch viele Intellektuelle und Künstler geben das Projekt einer sich selbst aufklärenden Aufklärung nicht preis.

Nicht nur in politischen Streitschriften oder philosophierend mahnen Autorinnen und Autoren an, wie der überfällige persönliche, gesellschaftliche Wandel zu gestalten wäre. In der Literatur sind es nicht zuletzt die Lebensgeschichten und -entwürfe der Figuren, die in Erzählungen humanes Zusammenleben oder dessen Scheitern sinnlich erfahrbar machen – aufgehoben in der je eigenen Sprache und der persönlichen Ästhetik der Schriftsteller. Mit der Kritik am Status Quo, mit ihren Zeitromanen, aber auch ihrem Möglichkeitssinn, ihren konkreten (Anti-) Utopien ersinnen Literaten Geschichten von unerträglicher oder lebenswerter Zukunft. Mit ihrer Phantasie skizzieren sie Bilder gelingender Emanzipation oder düstere Visionen der Unterwerfung in ideologischen Zukunftsgesellschaften zwischen Ökonomie-Totalitarismen oder religiösem Fundamentalismus. ›Ein weites Feld‹ möglicher Szenarien, über die man sprechen muss, um nicht nur die eigene Zukunft noch zu beeinflussen. Schon Hermann Peter Piwitt schrieb über Nicolas Born: ›Er zweifle (…) mittlerweile daran, daß es unsere Aufgabe sei, auf die Misere zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Sich außer Atem bringen zu lassen durch die täglichen politischen Zumutungen, so lange, bis wir unsere Wünsche, die entwerfende Phantasie, die Vorstellung von einem ganz anderen möglichen Leben darüber vergaßen! Wozu das gut sein sollte?‹

Gerd Herholz